Freitag, 25. Mai 2018

Staechelin Kopfbalken 030

Die Entstehung des Marmors

Marmor - aus den Tränen der Sterne entstanden

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Aus einer alten Legende erfahren wir, dass die Apuanischen Alpen sich aus glühenden Steintränen gebildet hätten. Die Sterne am Firmament seien von dem Liebeskummer einer armen jungen Hirtentochter derart ergriffen gewesen, dass sie eine ganze Nacht darüber weinten. Und diese auf die Erde fallenden Tränen erstarrten zu weissem Marmor, zu einem wilden und dem Himmel emporragenden Gebirge.

Die Apuanischen Alpen in der nordwestlichsten Ecke der italienischen Provinz Toskana - er Name geht auf den von den Römern im Jahre 180 vor Christus unterworfenen kühnen Volksstamm der Apuaner zurück - sind ein selbständiges Gebirge, das dem mächtigen Gebirgszug, dem Apennin, vorgelagert ist. Die Kette der Apuanischen Alpen unterscheidet sich hinsichtlich ihrer Gestalt und geologischen Struktur sehr wesentlich vom Apennin.

Die höchsten der schroffen Berggipfel - man findet hier keine abgerundeten Bergformen - von denen man eine fast unbeschreibliche Rundumsicht geniesst, erheben sich bis auf eine Höhe von 2'000 Metern (Monte Pisanino 1'946 m). Nackte Bergwände, spitze Gipfel und abschüssige Hänge sind hier typisch, ähnlich der Alpenmassive. Die Apuanischen Alpen bestehen hauptsächlich aus Kalkstein, und so findet man des öfteren karstische Formen und Höhlen. Der enorme Druck, der zur Entstehung der Bergkette führte, veränderte jedoch die Struktur der Kalkablagerungen, was wiederum zur Entstehung des Marmors führte.

Die Apuanen mit ihren felsigen Rippen sind wie geschaffen für Kletterer und Hochalpinisten, aber auch Wanderer und Ausflügler, die zu Fuss oder zu Pferd die zahlreichen wildromantischen Berg- und Saumpfade begehen, gar in einem hochgelegenen Rifugio oder Bivaccoübernachten, kommen bestimmt zu ihrem grandiosen Naturerlebnis.

Man kann aber auch weit weniger mühsam mit dem Auto den kurvenreichen, doch gut ausgebauten Aussichtsstrassen folgen, die zum Beispiel hinauf nach Campo Cecina beim Monte Uccelliera (12'446 m) oder via Pian della Fioba ins hochgelegene Bergdorf Arni führen. Die Rückfahrt von hier hinunter ins Städtchen Seravezza in der Versilia führt zunächst entlang der Nordhänge des Monte Altissimo (1'589 m) und des Monte dei Ronchi (1'350 m), dann durch die Galleria del Cipollaio zum Bergdorf Levigliani, um durch das wilde Tal der Vezza mit seinen vielen kleinen Marmorbetrieben die Ebene der Riviera della Versilia vor dem Mar Tirrenozu erreichen.


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In der Höhe angekommen, a piedi oder o con la macchina, hat man ein aussergewöhnliches, atemberaubendes Panorama vor Augen, das wahrlich in der Alpenwelt einmalig ist. Man schaut hinunter auf das natürliche und von Menschenhand geschaffene Schauspiel der Marmorbrüche (Tagliate). Enorme und blendend weisse Halden aus Marmorsplittern (Ravaneti) an den Gebirgsflanken sind Zeugnis dessen, was Heerscharen von Menschen während vielen Jahrhunderten geleistet haben. Man kann nur erahnen, welch ungeheure Steinmassen hier schon bewegt wurden.

Ein kolossales, von Menschenhand erschaffenes Naturbild, das man, wenn nicht selbst gesehen, sich nur schwer vorstellen kann. Nicht Schnee, nein, Ströme aus Marmor sind es, die, so scheint es, dem Talgrund zufliessen, als wollten sie sich mit dem unweiten blauen Meer vereinigen.

Seit rund 2'000 Jahren wird hier, vor allem in den carrarischen Tälern CollonataFantiscritti und Torana, der Naturstein Marmor mühsam aus dem Berg herausgebrochen. Dies edle Gestein, dem die Menschen seit jeher ihre Wünsche, ihre Werke, ja, ihre Idole und ihre Erinnerungen unvergänglich anvertraut haben. Und wenn der durch seine realistisch-psychologischen Romane und Novellen bekannte italienische Schriftsteller Corrado Alvaro (1895 - 1956, z.B. Die Hirten von Aspromonte) schreibt: "Marmor kleidet eben endgültig die Dinge", so hat er bestimmt die zutreffendste Aussage über dieses edle Naturmaterial gemacht.

Und begabte Künstler wie Michelangelo (sein ganzer Name wäre Michelangelo Buonarroti, 1475 - 1564, ital. Bildhauer, Maler, Architekt, Baumeister), Gian Lorenzo Bernini (1598 - 1680, ital. Baumeister, Bildhauer, Maler, leitender Architekt an St. Peter in Rom und bedeutendster europäischer Bildhauer nach Michelangelo) und Antonio Canova (1757 - 1822, ital. Bildhauer, wichtigster Vertreter der klassizistischen Skulptur), aber auch berühmte Schriftsteller und Dichter wie Charles Dickens (1812 - 1870, englischer Romancier und Begründer des sozialen Romans wie Oliver Twist und David Copperfield), Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828 - 1910, russischer Schriftsteller, z.B. Krieg und Friedenund Anna Karenina) und Luigi Pirandello (1867 - 1936, Schriftsteller, 1925 Gründer des Theatro d'arte, 1934 Literaturnobelpreis) haben sich unter die vielen neugierigen Wanderer und Reisenden gemischt, welche die Marmortäler bei Carrara besuchten.

Sie alle sind mühsam die nicht ganz ungefährlichen Wege und Pfade hinaufgestiegen, um selbst das so viel beschriebene einmalige Land der Riesen zu entdecken und in Ehrfurcht die vom zerklüfteten Gebirge losgelösten mächtigen weissen Marmorblöcke in diesem gewaltigen Naturscenario zu sehen. Selbst die Steinbrecher kennenzulernen, diese Männer, die den Städten der ganzen Welt das weisse Material lieferten, das den Denkmälern die Würde und einmalige Vollkommenheit verleiht.


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An den steilen Berghängen, entlang den Unterläufen der Gebirgsbäche auf allerengstem Raum, an den Talmündungen und Abhängen zwischen Carrara, Massa und Pietrasanta, grösser angelegt in der schmalen Ebene bis zum Mittelmeer standen und stehen die grossen Fertigungsanlagen, wo der heimische Marmor geschnitten und behauen wird. Nicht viel anders, als wie dies einst in den alten kleineren Werkstätten geschah.

Hier entstanden einige der allerschönsten Kunstschätze, die der Mensch je geschaffen hat. Und in diesen eher bescheidenen Werkstätten haben ganze Bildhauerdynastien im Laufe der Jahrhunderte Statuen und Denkmäler für alle grossen europäischen Höfe, für Kirchen, Plätze, Paläste und Gärten vieler Städte und Länder hinterlassen.
Diese alten Werkstätten sind heute noch teilweise in Betrieb und können besichtigt werden.

Spricht man vom Marmor, fällt einem der Name Carrara ein. Die Stadt Carrara am Carrionebach ist aus dem Dorf Kar entstanden und Kar ist die vorrömische Bedeutung für Stein. In Carrara ist die unauflösliche Bindung zwischen der Stadt und dem Naturstein Marmor, welcher das Schicksal und die kulturelle Identität während Jahrtausenden bestimmt hat, überall gut erkennbar. Hier sei nur der romanische Dom, dann die grossartige Bepflasterung der Piazza Alberica - eine der elegantesten Stadtdekoration des 18. Jahrhunderts, das Museo del Marmo, dieScuola del Marmo für die technische und die Accademia di Belle Arti für die bildhauerische Ausbildung genannt.

Weil Carrara durch seine Marmorbrüche (cave) weltberühmt wurde, hier zur Anschauung einige Zahlen aus der Marmorindustrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Insgesamt gab es damals in den Apuanischen Alpen 635 Brüche. In Betrieb um Carrara waren 411 (mit ca. 5'800 Arbeiter), um Massa 89 (ca. 1'100 Arbeiter ), die restlichen in der Versilia und Arni. An Marmorsägereien wurden im Jahre 1901 in Carrara 74, in Massa 33 gezählt. - Der Export von Marmor betrug total 204'000 Tonnen an unbehauenen Blöcken, 164'000 an gesägtem und 29'700 Tonnen an anderweitig verarbeitetem Marmor.


Massa, nur wenige Kilometer von Carrara entfernt, ebenfalls am Fuss der Apuanischen Alpen zwischen Hügeln am Flüsschen Frigido gelegen, war immer die zweitwichtigste Marmor-Stadt und seit 1473 mit Carrara verwaltungsmässig und politisch eng verbunden.Heute ist sie die Hauptstadt der toskanischen Provinz Massa-Carrara.

Massa ist urkundlich erstmals im Jahre 882 erwähnt. Und in Massa, der einstigen Hauptstadt des kleinen Herzogtums der Cybo Malaspina, das während der napoleonischen Herrschaft seine Selbständigkeit verlor, sind heute ebenfalls noch viele grossartige Zeugnisse dieser glorreichen Vergangenheit erhalten geblieben. So bildet der Herzogspalast Palazzo Rosso mit der davor liegenden Palazza degli Aranci das Herz und Symbol der Stadt. - Und das mächtige Castello Malaspina, auch Rocca genannt, welches die Stadt von der Höhe aus stets beherrschte, ist ein eindrucksvolles Zeugnis der sogenannten Festungsarchitektur des 12. bis 17. Jahrhunderts.

Die Kirchen gehören vielleicht zu den offenkundigsten und authentischsten Beispielen aus der herzöglichen Zeit. Die im barocken Stil erbauteBarmherzigkeitskirche und die Kirche San Giovanni Decollato sind prächtige Schmuckstücke. Die mächtige Kathedrale ist reich an Kunstwerken ausgestattet.

Rings um die Bischofsstadt Massa haben sich seit dem 20. Jahrhundert wichtige Industrien angesiedelt, vor allem die steinverarbeitende. Und mit dieser Industrie wurde Massa-Carrara schliesslich zum Weltzentrum des gesamten Steinhandels der ganzen Welt.

Hier gelangen Sie zur Marmorkunde



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25.05.2018
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